Rechenschwäche/Dyskalkulie
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Sehr geehrter Herr Heinrichs,

Ihre Anfrage möchte ich mit einigen Auszügen aus der 
Informationsschrift "Rechenschwäche verstehen" beantworten. 
Ihr Internetangebot finde ich sehr interessant und
im Aufbau übersichtlich.

Mit freundlichem Gruß

Friedrich H. Steeg, 
Dr.Dipl.Psych.Rechenschwächetherapeut

Thema: Rechenschwäche / Dyskalkulie - Juli 2001

Homepage Aktualisierung des RESI-Volxheim:
Beratungsinformationen zu §35a-KJHG / Kostenübernahmeantrag,
überarbeitetes Kurzinfo zu Diagnose+Therapie
mit Standpunkterläuterungen und Vertragsmuster
viele neue Links, Fortbildungen, Verwaltungsvorschriften,
neue kommentierte Literaturliste
kostenloser Download: RESI-IML-Reader aktualisiert, 67 Seiten / 260 KB

Neuerscheinungen des RESI-Verlags:
"Rechenschwäche und Basisfunktionen" von Oliver Thiel
"RESI-Arbeitsblattsammlung Teil 1: Pränumerik" von Jutta Brettschneider

http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de
aktualisiert am 23.07.2001

Viele Grüße
Fred Steeg und das RESI-Team


Text:
_________________________________________________________________________
Auszug (Kapitel 4, 5 und 6) aus 
"Rechenschwäche verstehen" -
Informationsschrift zum Phänomen Rechenschwäche/Dyskalkulie
von

RESI-Volxheim und IML-Essen:

                    Praxis für integrative Dyskalkulietherapie
                    Kennedyplatz 8
                    D-45127 Essen
                    iml-team@t-online.de

                    Rechenschwächeinstitut-Volxheim
                    und RESI-Verlag
                    Kreuznacherstr.22-24
                    D-55546 Volxheim
                    fred.steeg@t-online.de


4. Rechenschwäche - was ist das? - eine Frage der Definition?

"Rechnerisches Denken" gilt als wichtiger Bestandteil von Intelligenz-
messung. 
Für die Schul- und Berufskarriere ist das Hauptfach Mathematik 
wegweisend. 
Ein Versagen in diesem Fach torpediert die gesamte Lebensplanung.

Das Phänomen "Rechenschwäche" ist der Wissenschaft seit 
Jahrzehnten bekannt.

Ebenfalls bekannt ist - zumindest Erziehungsberatern, Schul-
psychologen, Kinderärzten, Kinder- und Jugendpsychiatern - die im Ein-
zelfall sehr hohe Wahrscheinlichkeit der Entwicklung psychoneurotischer 
Sekundärproblematiken.

Theoretische Ansätze und Definitionen gibt es viele. 
Eins haben fast alle gemeinsam - die Charakterisierung des Phänomens als 
"Teilleistungsschwäche".
Der Bezug ist der Leistungsvergleich zu anderen Fächern.

Zwei beispielhafte Definitionen:

"Rechenstörung: Beeinträchtigung von grundlegenden Rechenfertig-
keiten.
Diese Störung beeinhaltet eine umschriebene Beeinträchtigung von 
Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenz-
minderung oder eine eindeutig unangemessene Beschulung erklärbar 
ist. 
Das Defizit betrifft die Beherrschung grundlegender Rechenfertig-
keiten wie
Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division, weniger 
die höheren mathematischen Fertigkeiten, die für Algebra, 
Trigonometrie, Geometrie und Differential- sowie Integralrechnung
benötigt werden."
(WHO/ ICD 10 - Internationale Klassifikation 
psychischer Störungen 1995, S.277 
unter F8 Entwicklungsstörungen, F81 
umschriebene Entwicklungsstörungen
schulischer Fertigkeiten) (ICD 10 F81.2)

 
"Wenn ein Kind von normalem Intelligenzniveau im Rechnen durch-
gehend schwach ist oder darin völlig versagt, so kann es berechtigt 
sein, eine Rechenschwäche zu vermuten
. Nicht jedes Kind, das 
schlecht rechnet, hat eine Rechenschwäche. (...) Es gibt auch nicht die 
Rechenschwäche, sondern soviele verschiedene Rechenschwächen, als 
es rechenschwache Kinder gibt. 
Keine gleicht exakt der anderen. 
Die Rechenschwäche ist ein abstrakter Sammelbegriff.
 
Im konkreten Falle haben wir es mit der individuellen Rechenschwäche 
eines bestimmten Schülers zu tun." (Wolfensberger, 1981)

Wenn rechenschwachen Schüler auf außermathematischen Gebieten
zugestanden wird, in der Lage zu sein, logische Zusammenhänge zu
erfassen, muß man den Grund für das Scheitern an der Mathematik 
in der Materie selbst, ihrer Präsentation und dem Umgang mit ihr suchen.

Jenseits aller Intelligenztests, Noten und "Erbanlagen" zeigt die 
jahrelange Erfahrung von Rechenschwächetherapeuten in ihrer 
Auseinandersetzung mit den Gedankenwegen ihrer Klienten, 
daß sie auch auf mathematischem Gebiet durchaus lernfähig sind.

Bei konkreter Beurteilung schwacher Rechenleistungen erweist sich, 
daß die Klienten mathematische Sachverhalte gar nicht oder eben
falsch verstanden haben. 
Allerdings lassen sich die meisten ihrer fehlerhaften mathematischen
Lösungen auf begründbare Strategien  zurückführen. 

Wenn ein "rechenschwaches" Kind einen durch den Unterricht 
präsentierten Sachverhalt nämlich nicht verstanden hat, macht 
es sich seinen eigenen "Vers" darauf. 

Dies mag für den mathematisch bewanderten  "Zuschauer" teilweise 
absurde Züge annehmen. 
Der Inhalt der Gedanken der "rechenschwachen" Kinder ist 
nichtsdestoweniger daran orientiert, dem "kleinen Denker"
einen Halt zu verschaffen, der ihn in die Lage versetzt, 
"irgendwie weiterzumachen" - in einer Welt, in der es um Leistungen 
geht, die unbedingt zu erbringen sind!

Die Kinder entwickeln die phantasievollsten, intelligentesten Techniken 
und Strategien. 

Diese eigenen, mit Fehlern behafteten Verfahrensweisen nennt man 
in der Wissenschaft subjektive Algorithmen. 
Sie stellen in mehr oder weniger systematischer Weise dar, 
welche Vorstellung "rechenschwache" Kinder von der "Welt der 
Zahlen und des Rechnens" haben. In der Charakteristik  dieser je
individuellen Gedankenwelt muß der Ansatzpunkt für das Verständnis 
der "Rechenschwäche" des einzelnen Kindes, ihrer Beurteilung und 
angemessenen Behandlung, gefunden werden.

Die Bedingungen und Gründe für die Entstehung dieser Gedankenwelt 
liegen in der Welt, in der die Kinder sich und ihre Vorstellungen 
entwickeln.
Entscheidend sind also die Erlebniswelt der Schule, das Erleben der 
Verhaltensweisen der Lehrer, der Eltern sowie anderer wichtiger 
Bezugspersonen wie Freunde, und auch das Fernsehprogramm, 
jedwede Art von Freizeitbetägigungen ... 

- kurz: alle Erfahrungen, die ein Kind in seinem
Leben macht und wie es sie verarbeitet.


Die Gründe für die je individuelle "Rechenschwäche" lassen sich 
deshalb immer nur im Gespräch mit dem Kind - über seine
Gedankenwelt, seine Algorithmen, seine Fehler, seine Widersprüche -
finden. Und so liefert die korrekte Ergründung des Phänomens 
der vordergründigen "Schwäche" des individuellen Denkens des 
Kindes gleichzeitig den oder die Anknüpfungspunkte zur Entfaltung
seiner intellektuellen Potenzen und Kapazitäten -Grundsteine 
für das Projekt:
Therapie mit  "rechenschwachen" Kindern!

Daß ein "rechenschwaches" Kind in anderen Fächern gute oder 
durchschnittliche Leistungen bringen kann, ist kein Wunder und 
auch kein Hinweis auf oder Nachweis für eine bestimmte 
"Teilstörung" des Lernens.
Umgekehrt wird ein Argument daraus: 
Intelligente Leistungen können Kinder auf allen Gebieten des 
Denkens und Wissens erbringen, wenn sie die intakten Mindest-
Ob die Leistungen in 
verschiedenen Bereichen im Sinne objektiver Erkenntnis den 
prüfbaren Erkenntnissen des Lehrplans entsprechen, hängt 
wesentlich davon ab, daß ein kontinuierlicher Lernprozeß in Gang 
gesetzt wurde. Bei "rechenschwachen" Kindern bricht der Lern-
prozeß ab oder ist niemals richtig in Gang gekommen.

Die davon unberührte Fortsetzung von Unterricht in der Schule
läßt für diese Kinder den Mathematikunterricht zum Alptraum 
werden. Sie verstehen nicht mehr, was der Unterricht ihnen 
beibringen will. 
Sie suchen Hoffnung und Trefferquoten durch ihre Algorithmen. 
Lehrer können die Ausstiegspunkte nicht mehr individuell aufspüren
und einholen.
Sie halten das Kind manchmal sogar für nicht 
mehr lernfähig.


Das Vorhaben, die "Rechenschwäche" eines Individuums zu 
ergründen, ist somit keine Frage von quantitativen Vergleichsmessungen, 
keine Frage von richtigen und falschen Lösungen in begrenzter Zeit,
mit welchem Schwierigkeitsgrad und in welcher Menge auch immer. 
Die Gründe für "Rechenschwäche",der Inhalt der Rechenschwäche, 
ist eine Frage der qualitativen Analyse eines momentanen
individuellen Denkens in seinen "(un-) mathematischen"  Schattierungen -
insofern auch eine Frage 

diagnostischer Kompetenz 
und Sorgfalt !



5. Dyskalkulie-Diagnostik - was muß sie leisten

Dyskalkulie-Diagnostik ist Differential- und Förderdiagnostik.
Sie untersucht die konkreten Schwierigkeiten des Klienten im 
mathematischen Bereich sowie deren Ausmaß und Erscheinungs-
formen (individuelleAlgorithmen). 
Die genaue Standortbestimmung im Gebäude der Mathematik ist 
die Grundlegung der therapeutischen Konzeption. Anzeichen für 
drohende oder bereits eingetretene ungünstige Entwicklungen, 
die das Leistungsvermögen zusätzlich beeinträchtigen, sind: 
Leistungs- und Versagensangst, bereichsspezifische 
Konzentrationsstörungen. Sie sind wichtige Indikatoren
in der Bestimmung einer "Lernprozeßstörung".

Der zentrale Gesichtspunkt der Dyskalkulie-Diagnostik ist die 
Überprüfung unterstellten Grundlagenwissens. Falsche und 
richtige Ergebnisse werden auf die individuellen Lösungsstrategien 
des Klienten hin analysiert. 
Klinisches Interview und Verhaltensbeobachtung sind daher die 
adäquaten Mittel.
Denkwege werden offengelegt und damit eine 
objektive Beurteilung der Qualität erbrachter Ergebnisse 
ermöglicht.

Das diagnostische Verfahren arbeitet befragend, erklärend und 
motivierend.

Auf dieser Basis erstellt der Therapeut ein qualitatives Gesamt-
profil. 
Eine Förderdiagnostik ist also individuell und nicht auf den Vergleich 
von Kindern ausgerichtet. 
Ein solches Verfahren kann und will nicht standardisiert sein.


6. Dyskalkulie-Therapie - was muß sie leisten

Rechenschwächetherapie ist immer Einzeltherapie. 
Inhaltlich bedeutet das:
Es werden produktive Streitgespräche geführt - individuelle Wissens-
dialoge mit einem mathematisch und pädadogisch-psychologisch 
ausgebildeten Gesprächspartner, der die Grundlagenmathematik
differenziert durchschaut und präsentiert.

Persönliche Sicherheit und ein tragfähiges Selbstwertgefühl gründen
auf selbständigen Verstandesleistungen und der Gewißheit zugrunde-
liegenden Wissens.
Sich neue Kenntnisse über Zahl und Rechnen 
anzueignen, über die man jenseits von Lob und Tadel selbst verfügen
kann, gibt Selbstsicherheit. Der therapeutische Lerndialog fördert
gegenseitige, sachliche Kritik, produktiven Widerspruch und inhaltlich 
interessierte Nachfragen - so stellt sich schrittweise Sicherheit in den 
mathematischen Grundlagen ein.

In der Rechenschwächetherapie wird während des gesamten
Lehr- / Lernprozesses der Ablauf aller systematischen 
Lernschritte von den individuellen Schwierigkeiten des Kindes 
abhängig gemacht. 

Dies bedeutet, daß die Lernreihenfolge auf die besonderen 
Probleme und antrainierten Gewohnheiten des Kindes hin 
zugeschnitten ist.
Dessen eigene Rechenstrategien werden gezielt thematisiert 
und aufgearbeitet, damit keine Glaubenssätze und Doppel-
deutigkeiten im neuen  Wissensaufbau unterschwellig mitlaufen. 
Dem Kind wird die Unbrauchbarkeit seiner falschen Strategien 
einsichtig gemacht - sonst macht es womöglich den Übergang
ins logisch mathematische Denken gar nicht erst mit oder es denkt,
es ginge dabei um "alternative Tricks" fürs Rechnen - was immer
das Kind sich unter "Rechnen" vorstellt.

Alternativ zu der falschen Vorstellung vom Gegenstandsbereich 
Mathematik, die sich beim Kind immer weiter verfestigt hat - 
es handele sich um ein reines Paukfach, da muß man üben, üben, 
und noch  mal üben - gilt es, dem Kind die Einsicht zu vermitteln, 
daß man die Mathematik verstehen kann! So selbstverständlich 
und einfach ist diese Einsicht nicht:

Können sie so aus dem Stehgreif erklären, was der Unterschied 
und der Zusammenhang zwischen Mengenbegriff und Zahlbegriff
ist?
Warum ist denn eine Birne = 1 falsch ? Weil es nicht passt?
Was ist sie überhaupt, die Eins? 1 Bonbon, 1 DM, 1 irgendwas...?
Warum ist 11 nicht 1 und 1, weil 11 größer ist und / 
oder später kommt?
Verstehen Sie das?

Die schlimmste Vorstellung, die sich ein "rechenschwaches" Kind 
zu Beginn der Therapie macht, ist die, daß es seine Routine-
methoden für die Produktion von Rechenergebnissen nicht mehr 
einsetzen soll. Mit dieser Vorstellung hat es Recht. Damit daraus
aber auch eine Einsicht wird - und nur eine solche nimmt die Angst - 
muß die Problematik dieser Methoden gezielt thematisiert werden, 
um die irreführenden und konkurrierenden Gedankenwelten 
einer eigenen Prüfung mit bewußt richtig erlebten Auflösungen 
zuzuführen.

Der objektive Wissens-Ausstiegspunkt ist Anknüpfungspunkt 
für das Weiterlernen. 
Es ist nicht angebracht, "rechenschwache" Kinder einer un-
spezifischen Gesamtwiederholung zu unterwerfen. 

Auch sie verfügen über Grundlagen. Diese müssen  allerdings auf
Richtigkeit und Sicherheit hin überprüft werden  
(Verlaufsdiagnostik ist hier Dauer-Förder-Diagnostik).
Die zweckmäßigsten Einstiegs- und Focussierungspunkte für die 
jeweilige Therapie herauszufinden und in jeder Therapiesitzung 
Schritt für Schritt aufeinander aufbauend mit dem einzelnen 
Kind zu arbeiten heißt:
permanente Verlaufsdiagnostik, Therapiedialog und 
Planung der nächsten Lernschritte
.

In der Einzeltherapie entfallen Leistungsvergleich und Konkurrenz. 
Der notwendige, nützliche, themenzentrierte Dialog wird nicht 
gestört. Die Probleme allerdings, die sich aus dem auch weiterhin 
stattfindenden Leistungsvergleich und der Konkurrenz in der 
Schule ergeben, müssen auch im Rahmen der Therapie 
thematisiert werden.

Die Therapie muß Schutzfunktion nach außen haben: 
Die Anforderungen der Schule sollten - auf Mathematik bezogen - 
zurückgestellt werden. 
In Beratungsgesprächen mit Eltern und Lehrern müssen Absprachen 
getroffen und möglichst  einvernehmlich eingehalten werden. 
So wird dem Kind ein Freiraum zum konkurrenzfreien und angst-
freien Lernen eröffnet.
Es muß psychologisch von Leistungs- 
und Bewertungsdruck freigestellt sein, um, betreut vom 
Therapeuten, ein richtiges, selbst erarbeitetes Wissen aufbauen 
zu können.

Das Kind, wie es jetzt gerade denkt und fühlt, steht im Mittelpunkt
des therapeutischen Prozesses. 

Gegenseitige Kritik und Selbstkritik sind möglich und gewünscht. 
Die Rechenschwächetherapie bewegt sich im methodischen
Rahmen klientenzentrierter und  auf positive Verhaltensänderungen 
abzielender, psychotherapeutischer Konzepte -
ohne selbst Psychotherapie zu sein!


Die komplette Informationsschrift mit Symptomliste und Fehler-
beschreibungen finden Sie im Internet 
unter:


http://home.t-online.de/home/fred.steeg/resi.htm



außerdem zum Thema Rechenschwäche/Dyskalkulie:
aktuelle Artikel, Kritiken, Infos, Kontroversen, 
Fortbildungstermine, Fallberichte, Links, 
kommentierte Literaturliste, Buchbesprechungen,
kostenloser Buchdownload, Originaltexte der 
Schulerlasse zu Lernproblemen, 


"Mengen und Längen" 
- Lehrbuchwiederveröffentlichung 
des RESI-Verlag,
neu: PDF-RESI-Reader 
(Artikel und Infos) 
zum kostenlosen Download.


alles unter:


www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de



Ansprechpartner:


fred.steeg@t-online.de



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fred.steeg@t-online.de


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Stand:26. August 2001

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