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Nur noch das Paddington-Modell

Ein Filmbär und ein Tag im Familienministerium

Nur noch das Paddington-Modell

Freunde von uns haben einen Pflegesohn, der liebt Kinder- und Jugendfilme. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er mittlerweile volljährig ist.  Neulich fand er im Supermarkt die DVD von „Paddington in Peru“, sie musste mit, zum Gucken mit der ganzen Familie. „Wusstest du eigentlich, dass das ein wunderbarer Pflegekind-Film ist?“ Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht. Am Ende des Films musste ich dann ausgerechnet ans Familienministerium denken. Aber der Reihe nach.

Was hat das Familienministerium mit dem tollpatschigen Kindergeschichten-Klassiker Paddington Bär zu tun? Es war so: Am 04.06. lud das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) zum Fachdialog in der Pflegekinderhilfe ein. Anlass war der Entwurf des „1. Kinder- und Jugendhilfe-Strukturreform-Gesetzes“ (1. KJHSRG) und die überwiegend sehr kritischen Stellungnahmen dazu. Im Gesetzentwurf mit dem komplizierten Namen geht es im Kern um Kinder- und Jugendhilfe aus einer Hand, orientiert am Bedarf, ohne die bisher übliche Sortierung nach Kindern mit oder ohne Handicap. Kurz: Um die Verwirklichung von Inklusion. Parallel geht es, das hatte zuvor ein geleaktes Papier aus dem Ministerium verraten, um „Kosteneffizienz“, also mal wieder darum, zu sparen – ausgerechnet bei den Kindern, ausgerechnet bei der Inklusion.

Das war denn auch einer der zentralen Kritikpunkte der Fachverbände und Pflegeeltern-Vereine. Nun hatte sie also die Ministerin eingeladen, die Erwartungen an die „Aussprache“ waren hoch gesteckt. Wie aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen verlautete, fanden sich die Expert*innen zu ihrer Verwunderung an Gruppentischen wieder, vor sich eine Reihe von Stichwortkarten, zu denen sie aufgefordert wurden, ihre Gedanken mitzuteilen. Das kam nicht bei allen Teilnehmenden sehr gut an. Noch mehr trübte sich die Stimmung, nachdem sie einen Blick auf die Moderationskärtchen geworfen hatten.

Da war etwa die Rede vom „Zwei-Familien-Modell“ im Zusammenhang mit Pflegekindern. Hä? Na ja, warum auch nicht: Sagen wir unseren Pflegekindern nicht gern: Du hast eben zwei Mamas und zwei Papas, das hat nicht jeder? Differenzieren wir nicht vielleicht zwischen Mama und „Bauchmama“ (wie heißt eigentlich der entsprechende Papa dazu)? Haben wir nicht alle in den Pflegeeltern-Vorbereitungsseminaren gelernt, wie wichtig das „Herkunftssystem“ ist, zu dem wir eine wertschätzende Haltung aufzubauen hätten?

Man kann den Begriff googeln. Die KI belehrt uns prompt:  „Das Zwei-Familien-Modell (auch bekannt unter dem Leitsatz „Ein Kind mit zwei Familien“) beschreibt den modernen sozialpädagogischen Ansatz, dass ein Pflegekind psychologisch und biografisch dauerhaft zwei Familien angehört: seiner Herkunftsfamilie (leibliche Eltern) und seiner Pflegefamilie. Geprägt wurde dieses Konzept maßgeblich von der Psychologin und Familientherapeutin Irmela Wiemann.“

Aha. Ob Wiemann, die viele kluge, differenzierte und wichtige Dinge zum Thema Pflegekind geschrieben hat, tatsächlich für den Begriff verantwortlich ist, kann hier nicht abschließend geklärt werden (wie haben den Eindruck, eher nicht). So, wie das die KI beschreibt, ist es ja zunächst ebenso einleuchtend wie gleichzeitig eine Binse: Potztausend, irgendwie hat das Pflegekind also zwei Elternpaare und zwei Familien. Irgendwie sind beide wichtig. Und irgendwie muss oder sollte das Kind damit klarkommen, desgleichen diese zwei Familien. Nur wie?

Hier kommt nun endlich Paddington ins Spiel. Der hat Post aus Peru bekommen, von der Leiterin des Heims für betagte Bären, in dem seine Tante und ehemalige Bereitschafts-Pflegemutter Lucy nun lebt. Diese verhalte sich seltsam, er solle doch bitte kommen. Paddington bekommt „gemischte Gefühle“. Pflegefamilie Brown versteht schnell, dass der kleine Bär reisen muss und fliegt in den Sommerferien einfach gemeinsam mit ihm nach Südamerika.

Nach kleinen und großen Abenteuern findet der kleine Bär schließlich die alte Tante, und dazu noch eine ganze Rasselbande kleiner, mittlerer und großer Bären. „Das ist dein Stamm – du bist ein Eldorado-Bär“, erklärt ihm die alte Lucy. „Du hast mich gesucht – und nicht nur mich gefunden. Sondern auch dich selbst.“ Paddington wiederum brüllt seinen Bären-Namen, reißt sich die komischen Kleider vom Leib und gesellt sich zu seinesgleichen.

Die Browns bleiben zurück. „Er stahlt vor Glück, als wäre er nie weggewesen“, bemerkt Mama Brown, und verdrückt nur mühsam ihre Tränen. „Es ist so, wie es sein soll. Paddington gehört einfach hierher. Zu seinem Clan. Es ist einfach der nächste Schritt“, antwortet Papa Brown tapfer. Es folgt eine sentimentale Rückblende zu dem Tag, als die Londoner Familie den kleinen Bären in Paddington-Station aufgelesen hatte.

Und dann – ja dann kommt Paddington wieder und fragt seine Pflegeeltern ungelenk: „Also nur, wenn es euch nichts ausmacht – ob ich vielleicht bleiben kann - also ob ich mit euch nach Hause darf“. Ungläubiges Staunen. „Ja, natürlich darfst du. Das musst du doch nicht fragen! Wir haben nur gedacht …“

Der kleine Bär erklärt nun: „Die hier sind mein Stamm. Aber ihr seid meine Familie. Von hier komme ich. Aber: Zu euch gehöre ich.“

Schnitt. Rückflug. In London dann noch die Einsicht: „Man kann wegen seiner Herkunft gemischte Gefühle haben. Aber vielleicht ist das in Ordnung“. Dann kommt die ganze Bärenbande aus Peru zu Besuch und gestaltet mal wieder das Zuhause der Browns ein bisschen um.

Was will uns diese Geschichte nun sagen? Ein Zwei-Familien-Modell gibt es für Kinder, die schon früh in eine Pflegefamilie aufgenommen wurden, eher nicht. Denn Familie ist da, wo man geliebt aufwächst. Das Pflegekind steht, wenn es jahrelang in der Pflegefamilie aufgezogen wurde, nicht irgendwie „zwischen zwei Familien“. Von den einen stammt es, zu den anderen gehört es. So einfach ist das. Wenn das erstmal klar ist, können sich die biologisch Verwandten natürlich gerne besuchen und gegenseitig näher kennenlernen. Es sind die gesellschaftlichen Erwartungen (im Film ausgesprochen durch die Browns), die es manchmal unnötig kompliziert machen.

Der Film Paddington in Peru bringt in schlichten Worten auf den Punkt, was Pflegefamilien täglich im Zusammenleben spüren und was gleichzeitig längst als gesicherter wissenschaftlicher Standard gilt. Gerade Irmela Wiemann drückt das übrigens sehr klar aus, wenn sie etwa schreibt:

„Kinder, die sehr jung in ihre Pflegefamilien kamen, […] haben zwar ein elementares Interesse an ihren Herkunftseltern, aber sie haben ihre Eltern-Kind-Bindungen zu ihren Pflegeeltern entwickelt. Das Langzeitpflegekind braucht die Klarheit, dass es weiter in seine Pflegefamilie gehören darf und dass Besuchskontakte dazu dienen, Eltern(-teile) zu erleben und die Verbindung zu ihnen zu bewahren.“ (Wiemann 2020)

Merke: Verbindung ist ungleich Bindung. Wir vom Bündnis Sicheres Nest erheben hiermit die Geschichte vom kleinen Bären aus dem fremden Land zur ultimativen Pflegefamilien-Parabel und schlagen vor, das „Paddington-Modell“ zum Gold- pardon, natürlich zum Eldorado-Standard der Pflegekinderhilfe zu machen. Und an einem trüberen Urlaubstag empfehlen wir Ihnen, mit der ganzen Familie nochmal die Paddington-Filme zu schauen.

Zum Weiterlesen:

Stellungnahme "Wir wollen nicht wieder von vorne anfangen" (PFAD Bundesverband)

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